Eine Liebesgeschichte
Foto: Katja Hentschel
Dies sollte eigentlich der glamouröse, hochkarätige Auftakt unseres Blogs werden. Mit Kokain und Prostituierten, wilder Feierei und skurrilen Exzessen. Wird jetzt aber ganz anders – und dass trotz der Rauschmittel und leichten Mädchen. Wird bedeutend poetischer und melancholischer. Wird ein Artikel über die mehrteilige VICE Dokumentation „Swansea Love Story“ aus der Reihe „Rule Britannia“. Und die sieht so ganz anders aus, als der obige Hoffnungsschimmer vermuten ließ…
Foto: vbs.tv
Ganz dem Leben, der Liebe und dem Konsum abstruser Substanzen haben Andy Capper und Leo Leigh ihren Film gewidmet und porträtieren darin die unterschiedlichsten Menschen aus der britischen Stadt Swansea. Was in Kombination mit dem kitschig-poetischen Titel nach RomCom oder Hipster-Szene-Doku klingt, entpuppt sich als einfühlsamer Einblick in das Leben einiger (je nach Perspektive mehr oder weniger) gescheiterter Existenzen in der britischen Stadt Swansea. Anstatt kinoreifer Liebesgeschichte und Happy-End gibt es Misstrauen und Prügel von den Eltern. Wo man auf die Begrüßung durch ein hipes, zugekokstes Lesbenpaar mit Model-Ambitionen hofft, erwartet einen das obdachlose Junkiepaar Amy und Cornelius. Und die Hoffnung auf Heroin-Chic prallt ungebremst auf eine blutbefleckte Wand in Dennis Bleibe. Auch der Glaube an ein malerisches Städtchen wird vom Film abgebügelt, ist Swansea doch geprägt von zurückgegangener Industrie, Arbeitslosigkeit und Drogensüchtigen.
So ungeschönt und abstoßend die Dokumentation im ersten Moment wirken mag, so berührend ist sie doch mit ihren leisen Tönen, den Details voller Wärme, der Achterbahnfahrt aus Hoffnungen und Ängsten und dem Verzicht, die Geilheit an menschlicher Misere oder die Hoffnung auf Wohlstands- und Bildungsgrusel zu betätigen oder mit der Moralkeule drauf loszuprügeln.
Charaktere, die im ersten Moment als White-Trash, abgefuckte Suffköpfe und hirnlose Junkie-Zombies erscheinen, entpuppen sich als das, was wir doch alle irgendwie sind – Menschen mit Schicksalen, Stärken und Schwächen, die zum mitfühlen und mitfiebern einladen, denen man verzeiht, dass sie mit aller Kraft ihrer Welt entfliehen wollen. Und doch führt die Dokumentation dabei gleichzeitig vor Augen, dass es wahrlich nicht wünschenswert ist, in einer Welt voll kaleidoskopartigem Durcheinander aus Heroin-Hirnfick, billigem Alkohol, Prügeln und schmutzigem Sex enden zu wollen – es sei denn, man strebt eine Karriere als abgehalfterter Rockstar oder Magermodel an.
Doch bevor ihr in meine Lobhudeleien mit einstimmt, vergleicht zumindest meine mit der Euphorie von Little White Lies oder macht euch direkt selbst ein Bild von der ersten Episode der “Swansea Love Story“.
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